baldeggerjournal

3 stösslich, weil es der reibungslose Ablauf erfordert. Und trotzdem, auch das Gefängnis ist eine Art ‹Herberge›. Grosse Einschränkungen sind von aussen wohl gegeben, sie lassen aber immer die Möglichkeit offen, sich im oft unpersönlichen Untergebrachtsein beherbergt zu erfahren. Echte Freundlichkeit, Ehrlichkeit und Achtung sind dabei wesentlich. In einem Gefängnis herrscht Zwangsgemeinschaft. Freundschaften sind nur beschränkt möglich. Die Einsamkeit wiegt schwer. Ehrlichkeit und Ernsthaftigkeit fehlen nicht selten. Wohlwollende, offene Gespräche können neue Welten eröffnen. Plötzlich ändert sich der Blick. Sogar das sorgfältige, rücksichtsvolle Abschliessen der Türen durch den Vollzugsangestellten kann Balsam sein nach dem oft klirrenden Zuschlagen tagsüber. Da erkennt ein Gefangener, dass ein Mitinsasse keine Zigaretten mehr hat und streckt ihm eine hin – kein anderes Geschenk hätte in Und mittendrin die Frage: kann das Gefängnis überhaupt Herberge sein? Am besten könnten darauf die Gefangenen selber eine Antwort geben. In verschiedenen Gesprächen habe ich mit ihnen dieser Frage nachgespürt. Das Folgende ist somit auch Ausdruck von Gefangenen, die mehr als nur die Mauern und ihre eigene, schwierige Situation erkennen. Menschen aus durchschnittlich 40 Nationen wohnen unter einem Dach – keine leichte Voraussetzung für ein friedliches, bergendes Zusammenleben! Materielle Annehmlichkeiten sind zu vergessen, Entscheidungen in persönlicher Verantwortung kaum möglich. Vieles ist unumdiesem Moment mehr bedeuten können. Die persönliche Anrede mit Namen, ein freundlicher Gruss oder die wohlwollende Frage «wie geht’s», machen den Alltag wärmer und freundlicher. Wohlwollen und gegenseitige Achtung schaffen eine Atmosphäre, in der Abwehrhaltungen langsam aufbrechen und zaghafte Schritte hin zu sich selber möglich werden. Das Gefühl von Angenommensein trotz begangener schlechter Tat kann manchmal der Schlüssel sein zum ehrlichen Hinschauen und Umdenken, zum Eingestehen, Annehmen und sich auf Gott hin besinnen. Einmal hier angelangt, eröffnet sich eine neue, wohl die grösste Möglichkeit von Herberge, das Beheimatetsein bei Gott. Dann spielen weder äussere Mauern noch Einschränkungen eine zentrale Rolle. Wo der Mensch angenommen ist, mit und trotz all seiner Stärken und Schwächen – da ist Herberge, da fühlt er sich geborgen und kann einen Neuaufbruch wagen! Das Gefängnis – eine Herberge? Sr. Iniga Affentranger, Baldegg Seit acht Jahren gehe ich als Seelsorgerin im Gefängnis Lenzburg ein und aus. Zu meinem Alltag gehören Begegnungen mit Gefangenen und Angestellten, wertvolle Diskussionen, hilfloses Mittragen, wohltuendes Zusammensein, belastende Gespräche, erlösendes Aufatmen, resigniertes Aufgeben und vieles mehr. Vor meinen Augen sehe ich all die Räumlichkeiten und Zellen hinter den Gefängnismauern. Mauern, viele Mauern, oft kahle, abweisende Mauern, Gitter, verschlossene Türen und eine schrille Glocke, welche die festen Zeiten eines jeden Tages für alle verbindlich einläutet.

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