baldeggerjournal

2 Sr. Thea Rogger, Baldegg baldegger klosterherberge Heiles und Heiliges entdecken Nein, die Geduld gehörte viele Jahre hindurch nicht zu meinen besonderen Fähigkeiten. Die Schulstunden mussten vorbereitet sein, Prüfungen korrigiert, neuere Literatur gelesen. Ich musste planen und effektiv arbeiten, damit ein wenig Zeit blieb für das, was mich, ausser der Schule, auch noch interessierte. Ich wollte diszipliniert arbeiten, Zwischenstunden ausnützen und freie Zeit erübrigen. Dann erkrankte ich ernsthaft, die Schule Baldegg ging an den Kanton Luzern über. Ich musste mich neu orientieren. Ikonenmalen Bei einer Fortbildung in Logotherapie erzählte uns Elisabeth Lukas, die bekannteste Schülerin von Viktor Frankl, von einem Experiment in einem Sterbe-Hospiz in Süditalien. Ihre Studentinnen und Studenten malten mit jungen Frauen und Männern, die an Aids erkrankt waren, Ikonen. Diese sollten sie für einen für sie wichtigen Menschen malen, sie fertig stellen und sie dann schenken. Durch die sinnvolle Beschäftigung verbesserte sich die Atmosphäre im Spital, viel weniger Schmerzmittel wurden gebraucht und alle haben ihre Ikone vor ihrem Sterben fertig gemalt. Wenn das Ikonenmalen für Schwerkranke eine Hilfe bedeutet, dann muss es auch bei sogenannt Gesunden eine gute Wirkung zeigen, dachte ich mir. Die alten Ikonen entstanden in den klösterlichen Malwerkstätten. Die Mönche beteten und fasteten zum Malen ihrer Bilder und daher strahlten ihre Bilder eine Wärme und Innigkeit aus, die später kaum mehr erreicht werden konnte. Ich meldete mich für den ersten Ikonenmalkurs, lernte die Technik des Malens, stiess an die Grenzen meiner Fähigkeiten, las Bücher und besuchte Ausstellungen. Es folgten zwei weitere Kurse, ich lernte hinzu, zuerst von einem Künstler, dann von einem guten Didakten und als letztes eine sehr verfeinerte Technik des Malens. Dazwischen übte ich viel und begann mit Kursangeboten. Ohne Konzentration und ohne innere Ruhe gelingt kaum etwas, vor allem nicht das, was die Schönheit einer Ikone ausmacht. Ich wusste bald, Ikonenmalen ist eine Schule der Geduld, des genauen Hinschauens und der Liebe zum Detail. Ich muss das Wesen eines Gesichtes erfassen, das Tiefergehende und das Göttliche. Ich muss ein Gespür entwickeln für die Harmonie der typischen Ikonenfarben. Je mehr Ikonen ich über ein und dasselbe Thema kenne, desto besser. So zeigt sich das Wesentliche, ich lerne unterscheiden zwischen dem über die Jahrhunderte hin Gleichen und den Zusätzen, die meistens ab dem 17. Jahrhundert zugefügt wurden. Viele im Westen meinen, die Vorgaben der Malerhandbücher würden das Schöpferische zu sehr einengen, ja verunmöglichen. Und doch bleibt ein Gestaltungsraum, eine Vertiefung in das mir Mögliche. Ich muss solange an einer Ikone arbeiten, bis sie der Wahrheit des Urbildes entspricht, bis sie das ausdrückt, was Jesus, Maria, eine Perikope der Bibel, eine Legende oder eine heilige Person in dieser Welt verwirklichen wollten. Dieser Anspruch übersteigt stets die menschlichen Möglichkeiten und gelingt nur ansatzweise. Die wichtigsten Arbeitsschritte Der Schreiner nimmt gut gelagertes Lindenholz und schneidet die gewünschte Grösse des Brettes zu. Ich verleime das Brett, lege ein Stück Stoff darauf und bestreiche das Ganze zirka neun Mal mit Kreidegrund, dann wird es getrocknet, geschliffen, das Motiv darauf gezeichnet, dort, wo das Gold hinkommt, grundiert, geschliffen, mit Schellack überzogen, die Vergoldermilch aufgetragen, mit Goldblättchen der Hintergrund und die Heiligenscheine belegt. Nun kann mit der Mischung der Farbpigmente begonnen werden. Als Bindemittel eignet sich seit Jahrhunderten das Eigelb und als Hilfe zum Auflösen der Farbe braucht es Brennspiritus. Zuerst werden die dunkelsten Farben aufgetragen, dann folgen für die Falten der Gewänder hellere Farbtöne. Die Gesichter und die Hände brauchen eine ganz besondere Sorgfalt. Meistens wird die Ikone in Kirchenslawisch beschriftet. Wenn die Farbe ausgetrocknet ist, wird die Ikone gefirnisst. Das ist ein langer Prozess, bei dem schon mehrere Kursteilnehmende beinahe ihre Geduld verloren haben. Wirkungen des Malens Ich bin durch das Malen wacher geworden für das Schöne, für das Geheimnisvolle, das Verborgene. Ich bin aufmerksamer geworden auf den Ausdruck eines Gesichtes. Ich schätze die stillen Stunden, in denen nur eines wichtig ist:

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