7 ihnen Knöchelchen, um den Glasberg damit zu öffnen, wo sich ihre Brüder befinden. Sie verliert diese Gabe unterwegs. Was tun? In der ausweglosen Situation schneidet sie sich den kleinen Finger ab, der nun als Schlüssel dient, und gelangt so ans Ziel. (Die sieben Raben, KHM 25) Im Märchen Die Gänsemagd (KHM 179) begibt sich eine Königstochter in Begleitung ihrer Kammerjungfer zusammen mit ihrem sprechenden Pferd Fallada auf die Reise, ihrem Verlobten entgegen. Unterdessen wird sie von ihrer Begleiterin erniedrigt und betrogen. Am Königshof reisst diese die Rolle der Königstochter an sich, und die richtige Königstochter wird zur Gänsemagd. Sie erduldet alles Unrecht – klagt aber auch – sodass der weise Vater davon erfährt und der Schwindel schliesslich ans Licht kommt. Die falsche Braut bekommt ihre Strafe, und nun kann Hochzeit gefeiert werden. Wer so unten durch muss wie die Gänsemagd und dabei seine Selbstachtung bewahrt, ist in der Tat ein Königskind. Sich gedulden heisst – wie wir alle wissen – warten, sich fügen, sich darein schicken, erdulden, aushalten, durchhalten. Diese Fähigkeiten werden im Märchen Der Eisenhans (KHM 136) dem Königssohn abverlangt. Er muss geduldig am Goldbrunnen sitzen und nichts anderes tun als acht geben, dass nichts in den Brunnen fällt und ihn dadurch verunreinigt. Er besteht die Probe aber nicht, wird deshalb auf einen Reifungsweg geschickt und muss sich als Küchenbursche und Gärtnerjunge bewähren, bis er schliesslich zu dem wird, was er schon immer ist. Märchen lesen ist das Eine, Märchen hören lässt uns ihren Sinn tiefer erahnen. Diese Erfahrung schliesst wohl an eine weltweit gepflegte, jahrhundertelange Erzähltradition an. Aus der Sorge um den Verlust dieser Geschichten wurden sie von Sammlern, z.B. den Brüdern Grimm, aufgeschrieben. Heute wird das gedruckte Wort wieder belebt, indem sich auch in der modernen Welt seit ca. 50 Jahren eine neue Erzähltradition entwickelt. So trägt auch das Märchen dazu bei, ein Lebensthema wie die Geduld auf seine besondere Weise zur Sprache zu bringen. Die überlieferten Märchen der Völker wurden – wie die internationale Märchenforschung zeigt – ursprünglich für Erwachsene erzählt. Sie überliefern in Bild- oder Symbolsprache allgemein gültige Lebenserfahrungen. Dazu gehört auch das sich gedulden müssen. Vor bald dreissig Jahren lernte ich bei Felicitas Betz, Märchenerzählerin und Erwachsenenbildnerin, den meditativen Umgang mit Märchen kennen. Seither gebe ich erzählend weiter, was mir selber einen vertieften Zugang zu Lebenszusammenhängen ermöglicht. Zaubermärchen (Fachausdruck für Wandlungs- und Wegmärchen) regen zu Auseinandersetzung und Gedankenaustausch an und helfen, auch die Bildsprache der Bibel zu verstehen. Ausgewählte Motive aus vier Beispielen, wie sie die Brüder Grimm in ihren Sammlungen (KHM) überliefern, lassen erkennen, wie das Lebensthema der Geduld auch in den Märchen vielfältig zur Sprache kommt: Sechs Brüder sind in Schwäne verzaubert worden. Ihre Schwester kann sie nur erlösen, wenn sie eine fast übermenschliche Geduldprobe besteht. Sie muss aus Sternenblumen sechs Hemden nähen und darf dabei sechs Jahre lang weder sprechen noch lachen. (Die sechs Schwäne, KHM 49) Auch die Schwester im Märchen von den sieben Raben muss sich in Geduld üben. Sie wandert bis ans Ende der Welt und sucht ihre Brüder. Sie erträgt Hitze und Kälte, bis ihr schliesslich die Sterne weiterhelfen. Sie bekommt von Sr. Fabiola Wolf, Baldegg baldegger schwestern Märchen – ein Schlüssel zur Geduld
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