8 Bis zum Beben der Nasenflügel baldegger schwestern Ludwig Mödl, München Geduld als erbarmende Zuwendung des Ewigen Geduld steht als Eigenschaft des Ewigen zum ersten Mal in der Heiligen Schrift im Buch Exodus, und zwar in einer sehr alten Schicht des Textes (Jahwist). In der heutigen Form ist der Text spätestens in der Davidzeit verfasst. Es wird geschildert, dass Mose, nachdem er vom Berg herabgestiegen war, die Gesetzestafeln zerschmettert und das goldene Kalb zerstört hatte, wiederum auf den Sinai gerufen wurde, dort zwei neue Tafeln bereitete und auf Anweisung des Ewigen wartete, dass Er sie beschreibe. Da stieg Gott zu Mose herab und proklamierte, wer er künftig für das sündig gewordene Volk sei: «JHWH ist ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig, reich an Huld und Treue: Er bewahrt Tausenden Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, lässt aber (den Sünder) nicht ungestraft; er verfolgt die Schuld der Väter an den Söhnen und Enkeln, an der dritten und vierten Generation» (Ex 34, 6-7). Vielmals wird der Satz vom barmherzigen, gnädigen, langmütigen und huldvolltreuen Gott wiederholt (z.B. Num 14, 18; Neh 9, 17; Ps 103, 8; Weish 15, 1; Joel 2, 13; Jon 4, 3). Was hier (in der Einheitsübersetzung) mit dem Wort «langmütig» übertragen wird, geht auf das Wort aerech appajim zurück, das eigentlich heißt «zurückgehaltener Zorn» oder (wörtlich) «lang dauern bis zum Beben der Nasenflügel». Damit ist Geduld bezeichnet als ein Unterdrücken bzw. ein Hinausschieben des Zornes. Eigentlich müsste – menschlich gedacht – Zorn aufstehen ob all dessen, was das Volk getrieben hat und immer wieder treibt. Aber der Ewige ist barmherzig und gnädig. Er schaut zu und wartet, bis Einsicht bei den Menschen kommt und Besserung. Geduldig ist er, obwohl er eigentlich im Zorn schon dreinschlagen könnte. Dies ist die hebräische Wortbedeutung. Die Übersetzer des Alten Testaments ins Griechische, die 70 Gelehrten, haben den Begriff wiedergegeben mit makróthymos. Dieses Wort setzt sich zusammen aus makrós = groß und Th!mos = bewegt, erregt (bis zornig erregt) und hat sich zur Bedeutung von langmütig entwickelt, wobei wiederum angedeutet wird, dass Gott wohlwollend aktiv wartet und seinen Zorn hinausschiebt, obwohl – menschlich gesehen – dieser angebracht wäre. Geduld ist also auch hier als ein erbarmendes Zuwarten Gottes beschrieben, das den eigentlich zu erwartenden Zorn nicht ausbrechen lässt. Geduld als Spiegelung des göttlichen Erbarmens Im Neuen Testament wird diese Gott-Eigenschaft auf den Menschen übertragen. So zeigt Jesus im Gleichnis von den zwei Knechten, dass jener, der ein unwahrscheinliches Erbarmen und unendliche Langmut seines Herrn erfahren hat, diese seinem Mitknecht auch hätte zukommen lassen müssen (vgl. Mt 18, 23-35). Paulus stellt die geduldige Langmut als Zeichen und Prädikat echter Liebe dar, die zeigt, dass ein Christ neue Schöpfung geworden ist (vgl. 1 Kor 13, 4; Kol 3, 12). In missionarischer Gesinnung soll er geduldig sein gegenüber denen, die nur langsam zur Einsicht kommen (2 Tim 3, 10). Und in Drangsal soll er ausharren und in Geduld wissen, dass der Herr bald zu Hilfe kommt (vgl. Jak 5, 7-11). So wird standhafte Geduld Ausdruck des Glaubens, der sich das Warten nicht verdrießen lässt (vgl. Hebr 6, 11). So ist Geduld erkannt worden als christliche Grundhaltung. Sie besteht im Vertrauen auf Gottes Geduld und sein Erbarmen. Er tut allemal das Entscheidende, und an seiner Langmut uns Menschen gegenüber kann sich ein Christ orientieren. Geduld als gelebte Toleranz Und in der Tat: Geduld wird von mir abverlangt in vielen Bereichen des Lebens, in privaten gleicher Massen wie in öffentlichen. Es wird immer Menschen in meinem Umfeld geben, die mir Nerven kosten, die Ansprüche erheben, die mich zu vereinnahmen suchen oder die mir das Leben beengen. Auf der anderen Seite gibt es Verhältnisse, die mir nicht passen, durch die ich mich eingeschränkt und entfremdet fühle. Die Frage ist, wieweit ich einfach zuwarten soll in Geduld und wann ich – in Ungeduld – aktiv eingreifen muss, um etwas zu verändern. Es wird wohl das rechte Maß zwischen Hinnehmen und Verändern zu finden sein. Ich muss meine eigenen Grenzen beachten und mit mir selbst geduldig umgehen, vor allem aber – und das fällt meist schwerer – mit den anderen geduldig sein. Die notwendige
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