baldeggerjournal

10 In Geduld reifen baldegger schwestern Sr. Karin Zurbriggen, Baldegg Wenn einem der Geduldsfaden reisst, oder ein Mensch auf die Geduldsprobe gestellt wird, wenn die Geduld am Ende ist oder ich die Geduld verliere – dann spüren wir, dass dieses Gefühl eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit hinterlässt. Patient-Sein Das Wort «Geduld» kommt vom altgermanischen «gathuldis» und hat mit «tragen» bzw. «ertragen» zu tun. Im Wort Geduld drückt sich demnach aus, dass ich etwas ertragen kann, aushalte, vielleicht sogar erleide. Von der Geduld wurde das Wort «dulden» abgeleitet, was bedeutet: man lässt etwas geschehen oder hält es aus, dass etwas geschieht. Geduld wird im Lateinischen mit «patientia» übersetzt. Ist vielleicht gerade das «Patient-Sein» eine Lebensschule der Geduld? Wer selber schon mal lange krank war oder an einer Krankheit leidet, die sein Leben prägt und verändert, weiss was es heisst, sich in Geduld zu üben. Aber auch jemand, der mit einem lieben Menschen einen Stück Leidensweg gegangen ist, hat erfahren, dass es einen langen Atem braucht. Ich selber stand schon häufig am Bett einer lieben Mitschwester, die monatelang, manchmal sogar jahrelang mehr oder weniger geduldig auf den Tod wartete. Für eine jede von ihnen war es ein Prozess – eben jeweils ihr letzter Wegabschnitt. Die einen konnten bald einmal in beeindruckender Geduld ihre jeweilige Situation, im Vertrauen auf Gott, annehmen und Teil um Teil ihrer Selbständigkeit loslassen. Für andere wiederum war es ein langer Prozess bis hin zur geduldigen Annahme ihres Leidens und schliesslich ihres Sterbens. Geduldsproben Aber auch für mich als Pflegende ist das geduldige Warten auf den Tod einer Mitschwester jeweils ein Prozess, der meine ganze Geduld erfordern kann. Oft können wir wenigstens ihre körperlichen Leiden teilweise oder auch zeitweise ganz lindern. Trotz vieler Hilfsmittel und Medikamente gibt es dennoch ein Sterben, wie das einer Mitschwester, die sich uns nicht mehr mitteilen konnte, weder mit Worten noch mit ihrer Mimik. Was uns Pflegenden blieb, war ein wochenlanges, ja monatelanges Stöhnen, welches die ganze Bandbreite möglicher Interpretationen offen liess. Bei der Körperpflege spürte ich durch meine Hände nur mehr wenig vom Leben in ihrem steifen und regungslosen Körper. Selbst die Nahrungsaufnahme entwickelte sich für uns Pflegende zur Geduldsprobe, da die Patientin kaum mehr den Mund öffnen konnte und der Schluckreflex zunehmend gestört war. Was wenn da nicht noch dieser gütige, warme und liebevolle Blick dieser kranken Schwester gewesen wäre? Bruder Tod Trotz diesen Erfahrungen, dass Sterben eben auch eine lange und schwierige Leidenszeit beinhalten und damit unsere und die Geduld der Sterbenden auf die Probe stellen kann, ist für mich aktive Sterbehilfe kein Thema. Das heisst aber nicht, dass wir unsere Mitschwestern nicht auch «sterben lassen» können. Doch Leben und Sterben liegen nicht in unserer Hand. Wir versuchen aber jeden Tag neu, unsere Hände in die Hände unserer sterbenden Mitschwestern zu legen, damit diese «an» der Hand einer Mitschwester sterben dürfen. Sind die Wörter «aktive Sterbehilfe» und «Sterbetourismus» wohl so oft zu hören und zu lesen, weil vielen Menschen die Geduld fehlt, seelische und körperliche Schmerzen, Ängste, Ungewissheit, Abhängigkeit und das Warten auf den Tod auszuhalten? Ist es fehlende Geduld, die Angehörige immer wieder darum kämpfen lässt, die medizinische Behandlung für Patienten im Wachkoma zu begrenzen und sie sterben zu lassen? Es mag verschiedene Gründe geben einen Tod herbeizusehnen. Aber gerade im geduldigen Warten auf eine Zukunft, die ich mir nicht selber geben kann, kann ich reif werden für das Geheimnis Gottes. «Sei willkommen, mein Bruder Tod.»1 Mit diesen Worten begrüsste der hl. Franziskus seinen nahe bevorstehenden Tod. Ist das derselbe Wunsch von Menschen heute, die sich

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