baldeggerjournal

4 nicht so angenehmes. Ebenfalls in Kindertagen durfte ich jeweils am Mittwochnachmittag zum Tennisspielen gehen. Der Weg zum Tennisplatz führte mich an ein paar wenigen Häusern vorbei. Vor der Tür des letzten Hauses sass regelmässig ein Bernardinerhund. Aus meiner knapp Einmeterfünfzig-Perspektive schien er mir riesig, mehr Löwe als Hund. Jedesmal spürte ich die innere Entscheidung etwas drängender: sollte ich an dem fürchterlichen Tier vorbei rennen oder gespielt ruhig und lässig, aber mit innerem Beben an ihm vorüber gehen, oder vielleicht noch besser einen ganz anderen Weg zum Tennisplatz suchen? Einmal, ich hatte das potenziell gefährliche Tier schon hinter mich gebracht, hörte ich ein leises Geräusch, das ich nicht recht zu interpretieren wusste. Und fast gleichzeitig spürte ich zwei Pfoten auf meinen Schultern. Der Atem stockte mir. Was war das? Der Bernardinerhund in meinem Rücken, seine Pfoten auf meinen Schultern? Ich traute meinen Empfindungen nicht. Eine Mischung von Wut über das dreiste Tier und furchtbarer Angst, lebendig verschlungen zu werden, liess mich «stehen bleiben» wie angewurzelt auf einem kleinen Fleck Erde. Als ich die Stimme des Hausmeisters hörte, der das Tier rief, war mir, ich erwache aus einem schrecklichen Traum. Enge und Weite Die eben beschriebenen Bilder stehen für Erfahrungen, die viele von uns machen: «stehen bleiben», durchatmen und verkosten, was sich dem Auge darbietet; «stehen bleiben», erschreckt und nicht wagend, den Blick dem Angstauslösenden zuzuwenden. Das glückselige «stehen bleiben» weitet den Blick, wohingegen das vor Angst erstarrte ihn einengt. «stehen bleiben» kann die Sinne weiten, Welten eröffnen oder aber Leben beengen, es in die Ecke ängstlicher Erwartungen drängen. Sinn und «stehen bleiben» Ähnliche Erfahrungen von «stehen bleiben», Weite oder Enge in sich bergend, machen Menschen auf der Suche nach Sinn. Die von Viktor Frankl (Wien 1905 – 1997) entwickelte Psychotherapie geht davon aus, dass jeder Mensch in seinem Leben auf der Suche nach Sinn ist, und das bis zum letzten Atemzug. Sinn kann bedeuten, sich für andere Menschen oder für Aufgaben einsetzen, eine Not in der Welt lindern, sich angesichts schicksalhaft Schwierigem zu einer akzeptierenden Haltung durchringen, oder Schönes und Erfüllendes in der Natur, in der Kunst und in Beziehungen wahrnehmen und schätzen. Sinn hat mit einer konkreten Situation und einer konkreten Person zu tun. Den einmaligen Sinn einer Situation gilt es wie Bild und Gefühl Beim Ausdruck «stehen bleiben» steigen in mir spontan Bilder aus der Kindheit hoch und verbinden sich mit einem besonderen Gefühlsgemisch von zufrieden, stolz und einem schwitzenden hochroten Kopf. Sie werden denken, was hat denn das mit «stehen bleiben» zu tun? Als meine Geschwister und ich noch ganz klein waren, unternahmen unsere Eltern mit uns bereits ausgedehnte Bergwanderungen. Der Aufstieg gestaltete sich nicht selten als Ausdauer-Probe für beide Seiten. Schritt um Schritt hiess es vorwärts gehen unter der schon brennenden Vormittags- oder Mittagssonne. Innerlich stellten wir Kinder uns vielleicht das grosse Schwimmbad unseres Ferienortes vor, hörten Wasser spritzen und Kinder schreien ... doch es hiess kontinuierlich und schweigend, vielleicht auch innerlich leicht murrend, dem Berg etwas Weg und Höhe abtrotzen. Erst angelangt an einer lohnenden Aussicht ins Tal durften wir «stehen bleiben», konnte ich durchatmen und freudig feststellen, wie viel an Weite und Höhe bereits gewonnen war; und fast gleichzeitig spüren, wie sich eine angenehm warme und wohlige Zufriedenheit im Körper ausbreitete, ein wundersam schönes Gemisch aus Freude über das mit den eigenen Beinen Geleistete, einem stolzen Blick in die Weite und einer ungeahnten Nähe zum Himmel ... ein glückseliges Gefühl – zeitlos und unendlich weit. Die Hitze und alle Beschwerlichkeit des Aufstiegs, ja sogar das lockende Schwimmbadvergnügen vor dem inneren Auge, waren wie weggeblasen. Zu meinem Erstaunen meldet sich nach dem Schreiben dieses Erinnerungsbildes gleich ein weiteres, bei langem Sr. Tamara Steiner, Baldegg baldegger schwestern Damit «stehen bleiben» Weite schenkt

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