5 eine vom Leben gestellte Aufgabe zu entdecken und zu erfüllen. Sinnbegabt ist ein Mensch dann, wenn er im Konkreten seines Alltags Sinn erspüren und verwirklichen kann. Dabei darf er sich ein Stück weit übersehen und vergessen. Als sinnverarmt ist hingegen ein Mensch zu bezeichnen, der sich übermässig viel mit sich selbst und mit Beschwerlichem beschäftigt. Gefangen im Beachten seiner inneren Zustände, im Kreisen um sich selbst und um Negatives, verliert er Welt und Weite. Flow und Frust Sie werden denken: das tönt zwar stimmig, doch was heisst das konkret? Nehmen wir an, Sie besitzen einen Garten mit Blumen und einer kleinen Wiese. Wenn Sie beruflich sehr beschäftigt sind, werden Sie sich öfter mal innerlich aufraffen müssen, um in der knappen Freizeit Unkraut zu jäten, verdorrte Blumen zu schneiden, neue Pflanzen zu ziehen, Blumenbeete umzugraben oder im Spätherbst Ihren Garten für den Winter vorzubereiten. Das wird Ihnen dann leichter fallen, wenn Sie mit Ihrem Garten gute Erfahrungen in Verbindung bringen, die auch andere Menschen einbeziehen. Die Freude der Nachbarn über die jungen Pflanzen, die Sie ihnen überlassen haben oder die kleinen anerkennenden Worte von Passanten, die über die bunte Blumenpracht staunen, Ihr eigenes zufriedenes Gefühl über die Geschenke der Natur, sie sind es, die Sie je neu motivieren, auch knapp bemessene Zeit in den Garten zu investieren. Wenn Sie dann an einem sonnigen Sonntag in Ihrem Garten spazieren, werden Sie «stehen bleiben» und es geniessen, einfach zu schauen. Vielleicht stellt sich dann wie von selbst ein Glücksgefühl ein, das Forscher «Flow» nennen, ein zeitloses, unbegrenztes Fliessen von Freude, das zuerst Ihren Garten und sein Gelingen meint, doch gleichzeitig sich geheimnisvoll eins weiss mit der ganzen Welt. Ganz anders geht es einem Menschen mit seinem Garten, wenn er hauptsächlich mit sich selbst und Beschwerlichem im Leben beschäftigt ist. Er wird zwar Zeit in die nötigen Gartenarbeiten investieren. Doch sein innerer Blick wird den Gartenzaun kaum übersteigen. «Die andern sollen ihre Pflanzen selber ziehen», und «was schauen die immer in meinen Garten, ist er etwa nicht sauber genug gejätet?», so wird er denken, und beim Umgraben werden ihn vielleicht Schmerzen plagen. Er wird den Schmutz an den Schuhen beklagen, die freie Zeit, die ihm abgeht, und vieles mehr. Er wird sich fragen, wozu eigentlich diese Plackerei? «stehen bleiben» im Garten hiesse für ihn nur, noch mehr Arbeit entdecken, und das verbunden mit einem undefinierbaren Gefühl von Unzufriedenheit. Frei und weit Die Psychotherapie, die den Menschen als einen SinnSuchenden definiert, spricht ihn in jeder Situation ein Stück weit frei. Frei, sich zu entscheiden, wie er die aktuelle Situation gestalten will, frei, sich zu den gegebenen Bedingungen so oder anders einzustellen, und frei, andere Menschen in den inneren Blick zu bekommen und ihnen zuliebe etwas auf sich zu nehmen. Am einzelnen Menschen liegt es, ob sein «stehen bleiben» ihn jeweils in die Enge drängt oder ihm ungeahnte Weite schenkt. Erst angelangt an einer lohnenden Aussicht ins Tal durften wir «stehen bleiben» ... Sr. Tamara Steiner, Dr. phil. Praxis für Logotherapie und Existenzanalyse, EPL-Kommunikation, Progressive Relaxation nach Jacobson und Psychotherapie HP (DE), Tel. 041 914 18 00, sr.tamara@baldeggerschwestern.ch
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