6 müssen wir vor ihm nicht im Staub liegen, sondern dürfen aufrecht vor ihm stehen. Das zeigt sich auch im Gottesdienst. Das Zeremoniell spielt in der Liturgie eine bedeutende Rolle. Der Mensch soll nicht nur im Wort, sondern auch in der Haltung des Körpers ausdrücken, was er in der Liturgie vollzieht. Im Stehen kommt zum Ausdruck: – die österliche Existenz – die Freiheit des Menschen – das Wachsein, die Aufmerksamkeit – die Ehrfurcht vor dem Höheren – die Freude, die von niederdrückender Furcht befreit – die Offenheit zum Hören und Entgegennehmen eines Auftrags – die Bereitschaft, mit der der Christ, die Christin der Wiederkunft des Herrn entgegenblickt Stehen war bereits im Altertum die Haltung der Betenden. Für Juden wie auch für Christen war Stehen die normale Körperhaltung bei Gebet und Gottesdienst. Sie nennt sich «Orans-Haltung» aus dem lateinischen Wort für beten (orare). So finden wir in der Katakombenkunst die OrantenDarstellung, eine aufgerichtete Gestalt mit fliessendem Gewand und ausgebreiteten Armen. Sie steht frei, hörend auf das Wort und bereit zum Tun. In der frühen Zeit der Kirche war das Knien an den Sonntagen und in der Osterzeit sogar verboten. Denn das Stehen ist Ausdruck der österlichen Existenz der Erlösten. Der Christ, die Christin ist befreit aus der Knechtschaft von Sünde und Tod. Durch die Auferstehung Jesu sind wir wieder aufgerichtet. Als Söhne und Töchter – nicht als Sklaven – stehen wir beim Gebet in Ehrfurcht und Vertrauen vor dem Vater. Der hl. Patrick (ca. 400 n. Chr.) drückt das Stehen und Stehenbleiben in seinem Morgengebet folgendermassen aus: «Ich erhebe mich heute durch die gewaltige Kraft, die Anrufung der Dreieinigkeit, und bekenne den Schöpfer der Schöpfung. Ich erhebe mich heute durch die Kraft Gottes, der mich lenkt. Gottes Macht halte mich aufrecht. (...) Christus sei, wo ich stehe. Christus in der Tiefe, Christus in der Höhe, Christus in der Weite.» Möchten Sie stehen bleiben? Kaum jemand wird mir heute auf diese Frage eine positive Antwort geben. Weitergehen, weiterkommen, vorwärtskommen ist heute angesagt. Wer stehen bleibt ist nicht mehr in, kann nicht mehr mitreden, ist veraltet. Und doch gibt es gute Gründe zum Stehen, zum Stehenbleiben. Vor kurzem las ich den folgenden Satz: «Der Jude geht mit Gott, der Muslim fällt nieder vor Gott und der Christ ...»? Wie, stellen Sie sich vor, geht der Satz weiter? Was ist typisch für die Beziehung des Christen zu Gott? Sie werden es erraten, der Satz endet: «...der Christ steht vor Gott!» Der Christ ist einer, der weiss, dass er vor Gott stehen darf. Das Stehen ist zuerst einmal ganz allgemein eine menschliche Haltung. Der Mensch ist als einziges Lebewesen aufgerichtet. Stehen ist aber auch eine christliche Haltung. «Der Christ steht vor Gott!» So beten wir immer wieder im 2. Hochgebet der Messe: «Wir danken dir, dass du uns berufen hast, vor dir zu stehen ...,» nicht zu sitzen, auch nicht zu knien, sondern zu stehen. Damit ist ausgedrückt, welche Würde Gott uns schenkt. Der Mensch ist nur «wenig geringer gemacht als Gott» (Psalm 8). Er ist von Gott geschaffen als Partner, als Partnerin zur Mitgestaltung an der Vollendung der Schöpfung. Er ist von Jesus Christus erlöst und berufen in das Volk Gottes. Als solcher kann und darf er aufrecht stehen vor Gott, auch dann, wenn ihm die eigene Kleinheit gegenüber der Andersartigkeit Gottes bewusst bleibt. Wir müssen uns nicht vor ihm ducken, er lässt uns aufrecht sein. Denn in Jesus Christus hat sich Gott zu uns herabgelassen – und uns dadurch gleichsam emporgehoben, auf gleiche Augenhöhe. Er will unser Bruder sein, deshalb Sr. Renata Geiger, Baldegg baldegger schwestern Du hast uns berufen vor dir zu stehen
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