9 Elisabeth der Not, die in diesem Sommer ihren Höhepunkt erreichte. Sie zog ihre tätige Nächstenliebe gegen den Widerstand ihrer Verwandten durch. Als Ludwig zurückkehrte, verteidigte er seine Gattin gegen deren Kritik. Das Volk hatte durch die Tatkraft ihrer Landesmutter neu Hoffnung geschöpft. Elisabeth hatte nicht nur ihren Hunger gestillt, sondern auch ihre Selbstachtung gestärkt und ihnen mütterlich wärmende Zuneigung geschenkt. Stehen bleiben und bis an die Grenze gehen Ludwig verpflichtete sich ohne das Wissen seiner Frau zur Teilnahme am 6. Kreuzzug. Als der Papstbrief ihn im Januar 1227 nach Rom rief, ging Elisabeth mit ihrem dritten Kinde schwanger. Er übertrug seinem Bruder Heinrich Raspe die Wahrung der Thronfolgerrechte für den Sohn Hermann und setzte seine geliebte Elisabeth für die Zeit seiner Abwesenheit als Regentin ein. Schmerzvoll und unbarmherzig waren die bevorstehende Trennung und die Konfrontation mit dem möglichen Verlust des Geliebten. Elisabeth begleitete ihren Gatten bis an die Landesgrenzen. Vermutlich hätte sie gerne die Zeit angehalten und wäre stehen geblieben. Örtlich und innerlich zweigeteilt hoffte Elisabeth in den kommenden Monaten. Elisabeth wurde fast wahnsinnig vor Schmerz, als man ihr die Todesnachricht überbrachte. Die Erschütterung drang in die Fundamente ihrer Liebe ein. Der menschlich tragende Grund ihres Lebens war verloren. Stehen bleiben und neue Zukunft wagen Als Witwe war sie rechtlich zwar gesichert, aber von vielen verkannt. Ludwig hatte sie immer in Schutz genommen und ihre religiöse Sendung nicht nur gebilligt, sondern anerkannt. Es war für sie unhaltbar, in der Atmosphäre der Wartburg zu bleiben. Sie folgte dem Verlangen, den Armen gleich zu werden, denen sie bisher mit ihrem persönlichen Einsatz gedient hatte. Elisabeth verliess die Wartburg zusammen mit ihren Gefährtinnen Guda und Isentrud. In der Kapelle der Minderbrüder verzichtete sie auf ihren Besitz. Das Veto von Konrad von Marburg gegen den Verzicht auf Einkommen akzeptierte sie, weil sie damit den Armen finanziell helfen konnte. Sie widerstand den Wiederverheiratungsplänen ihrer beiden Verwandten, der Äbtissin Mechthild von Kitzingen und des Bamberger Bischofs Ekbert. In Marburg liess Elisabeth ein weiteres Hospital bauen. Ende 1228 war der arme Bau aus Lehm und Holz vollendet und wurde dem heiligen Franziskus von Assisi geweiht. Elisabeth versprach als «Schwester in der Welt» ein Leben im evangelischen Geist des Heiligen von Assisi zu führen. Stehen bleiben und Erfüllung finden Elisabeth und ihre Gefährtinnen Isentrud, Guda und Irmgard bildeten den Kern einer Laiengemeinschaft, die sich dem Dienst und der Liebe an den Armen und Kranken verpflichtete. Die Gottesliebe befähigte Elisabeth zur Nächstenliebe. Ihr Dienst an den Benachteiligten war nicht äussere Pflicht, sondern gelebte, liebevolle Beziehung. Ihre von Gott her motivierte Freiheit führte sie in sich selbst bindende Verantwortlichkeit für andere. Sie verband Menschenfreundlichkeit und Gottesliebe. Elisabeth stirbt mit 24 Jahren vermutlich an Tuberkulose. In ihrem kurzen und intensiven Leben spannte sie den Bogen von der Erde zum Himmel in ihrer Zwiesprache mit Gott. Sie gab der Liebe ein Gesicht und dadurch kam in ihrer Gegenwart der Himmel der Erde ein Stück näher.
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