10 Jesus aber blieb stehen baldegger schwestern Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Das Stehenbleiben erzwingen Da fallen mir zuerst die zehn Aussätzigen ein, von denen es in der Bibel heisst, dass sie in einiger Entfernung «stehen blieben» und so Jesus auf ihr Schicksal des Ausgegrenztseins aufmerksam machten. Ihre Krankheit und die gesellschaftliche Ächtung zwangen zum Stehenbleiben, wenn Menschen auftauchten. Diese Vorschrift diente dem Schutz der andern. Das gibt es auch heute: Menschen, die aus Rücksicht auf die andern stehen bleiben müssen. Menschen, die man nicht sehen sollte, weil sie das Wohlbefinden anderer empfindlich stören könnten. Obdachlose beispielsweise oder Bettler und Drogensüchtige. Und viele andere auch. Was tut Jesus? Er wendet sich den Aussätzigen zu, spricht mit ihnen und schickt sie wieder auf den Weg. Im Befolgen seines Wortes werden sie geheilt. Auch das gibt es heute: Menschen, die getröstet und gestärkt sich wieder auf ihren Weg machen, weil sie angesprochen worden sind. Weil sie «trotzdem» gehört wurden und sich ernst genommen fühlten. Wie das Schicksal der Aussätzigen lässt sich Jesus auch das Leid einer Witwe zu Herzen gehen. Diese Frau begleitet trauernd den einzigen Sohn zur seiner letzten Ruhestätte. Weil die Träger der Totenbahre stehen bleiben, kann Jesus ihren toten Sohn berühren. Jesus spricht ihn an. Er fordert ihn zum Leben auf – und gibt ihn so, erfüllt mit neuer Lebenskraft, der leidgeprüften Mutter zurück. Im schnellen Vorbeigehen kann man Menschen zwar oberflächlich berühren, aber nicht anrühren. Zuwendung geschieht nicht im Vorübergehen. Aber sie verwandelt zum Leben. In nochmals anderer Weise taucht das Stehenbleiben im Gleichnis vom Weingärtner auf. Es geht um einen unbedeutenden Feigenbaum. Obwohl er erneut keine Frucht brachte, soll er stehen bleiben dürfen. Hier bittet ein Mensch um Geduld. Geduld ermöglicht ihm, nicht umgehauen zu werden. Einstehen und Bitten für andere schenkt Zukunft und Hoffnung. Nicht zu vergessen ist der Blinde, der so ungebührlich laut schrie, dass Jesus stehen bleiben musste. Jesus lässt ihn zu sich herführen und fragt ihn: Was soll ich für dich tun? Manchmal zwingt einem die fürchterliche Not eines Menschen zum Stehenbleiben, zum Nachfragen, zum Helfen. Erst das Stehenbleiben ermöglicht das neue Sehen. Jesus blieb aber auch aus eigenem Entscheid stehen. Beispielsweise als er die ganze Nacht auf dem Berg gebetet hatte und dann in der Talebene unten stehen blieb. Nicht lange – und eine unübersehbare Menge umzingelte ihn. Die Leute drängten sich um ihn. Sie waren herbei geeilt, um Jesus zu hören, ihn zu berühren, seine heilende Kraft zu spüren oder befreit zu werden von dunklen Mächten. Immer wieder wird deutlich: Menschen haben es nötig, von jemanden angeschaut, angehört und angesprochen zu werden. Das geht aber nur, wenn einer stehen bleibt. Das Stehenbleiben einüben Auch heute braucht es Menschen, die stehen bleiben, damit andere wieder weiter gehen können. Und es muss Orte geben, wo Menschen einmal verschnaufen oder kurz stehen bleiben können, um auszuruhen und aufzutanken. Klöster sind Orte, wo das Stehenbleiben geübt wird, tagtäglich. Und zwar das Stehenbleiben in Gott. Klöster können Menschen zum Stehenbleiben in Gott anleiten. Im Kloster dürfen sie kurze Wegbegleitung und lange Gebetsbegleitung erfahren. Darum stehen Klöster wie Burgen in der Landschaft: fest und sicher, beständig und verlässlich. Nachhaltig entsorgen Menschen sollten im Kloster ihre Lasten deponieren dürfen und zurücklassen, was ihr Leben bedrückt oder ihren Weg beschwert: die Sorgen in der Familie, Leid und Trauer, die Not des Nichtglaubenkönnes, das Unverstandensein und Konflikte, Überreste des Scheiterns, Schuld und Unversöhntsein. Ein Kloster ist eine Art «Ent-sorgungs-Anlage» für alles, was Herz und Seele belasten und was Menschen nicht länger durchs Leben mitschleppen möchten. Damit Menschen im Kloster ihren Ballast ent-sorgen können, müssen sie stehen bleiben. Damit wir Schwestern die Not anderer entgegennehmen können, müssen wir fest in Gott stehen bleiben. Das gemeinsame Stehenbleiben in Gott macht nachhaltiges Entsorgen leichter.
RkJQdWJsaXNoZXIy NTcyNzM=