11 Stehen bleiben um kreativ zu bleiben baldegger schwestern Sr. Boriska Winiger, Baar Für mich wahrlich ein Fremdwort – ausgerechnet ich soll mich darüber äussern, wo ich doch bis jetzt immer nur das Gegenteil erlebt habe. 40 Jahre Dienst im Sonnenberg: aufbauen – vorwärts – neue Ideen verwirklichen – Mitarbeiter zum Vorwärtsgehen motivieren – und die Reaktion meiner Mitschwestern: «Für dich doch kein Thema!» – Vielleicht doch? Je länger ich darüber nachdenke, umso besser gefällt mir das Thema. Stehen bleiben hat doch immer einen Zweck und seinen Sinn. – Man bleibt an der Bushaltestelle oder auf dem BahnhofPerron stehen, um zu einem Ziel zu kommen. – Ich beobachte zwei Bauarbeiter, die stehen bleiben. Sie diskutieren über die soeben erledigte Arbeit und machen sich Gedanken über die Art und Weise der Fortsetzung. – Ich bleibe auf dem Weg zur nächsten Unterrichtsstunde stehen und überlege, ob ich jetzt wirklich alles dabei habe. Vielleicht muss ich umkehren und das Liegengebliebene holen. – Ich bleibe nach dem Gottesdienst stehen, weil mich eine ältere Frau ruft, welche Hilfe braucht. – Ich bleibe vor einem Wegweiser stehen und mache mir Gedanken über die nächste Wegstrecke. – Auf einer Wanderung komme ich zu einem kulturhistorischen Denkmal und studiere die Hintergründe. – Ich bleibe auf dem Pausenplatz stehen und beobachte Kinder. Eine Institution wie der Sonnenberg, in der «stehen bleiben» nie ein Thema war, konnte sich nur entwickeln, weil die Verantwortlichen von Zeit zu Zeit wirklich stehen geblieben sind, nachgedacht, in sich gegangen und für das Verwirklichen neuer Pläne aufgetankt haben. Für mich persönlich und auch für die anderen Leitungsteam-Mitglieder gab es im Laufe eines Schuljahres immer zwei Ereignisse, wo «stehen bleiben» angesagt war. 1. Die jährlichen Exerzitien Während einer Woche habe ich mich jeweils ins Mutterhaus zurückgezogen, versuchte mich von der Hektik des Alltags zu lösen, nachzudenken und zur Ruhe zu kommen. Meistens war zu dieser Zeit die Planung des kommenden Schuljahres hochaktuell. Das Abschalten wollte oft nicht gelingen. Trotzdem – ich liess die Gedanken auf mich zukommen, versuchte gelassen zu bleiben und diese ins Gebet mit hineinzunehmen. Dadurch entstand in mir ein Gefühl des Vertrauens, es machte Mut und motivierte. Nicht selten stiegen gute Ideen auf, die ich gleich notierte und sinnvolle Lösungswege festhielt. Wirklich ein Stehenbleiben, das eine neue Sicht zulässt und gute Gedanken zum Reifen bringt. Voll Zuversicht und Tatendrang kehrte ich jeweils an meinen Arbeitsort zurück. 2. Die Klausurtagung mit den anderen LeitungsteamMitgliedern während der Sommerferien Befrachtet mit Ordnern, Plänen, unzähligen Notizen usw. zogen wir uns jeweils eine Woche lang in eine Berghütte zurück. An einem stillen Ort auf ca. 2000 m Höhe fanden wir Raum für so vieles: intensive Arbeit, heitere und ernste Gespräche, kritisches Zurückblicken, gemütliches und feines Essen usw. Wie oft sassen wir auch da und schauten in die Natur hinaus, ohne ein Wort zu sprechen. Diese Zeit bedeutete für mich ein Stehenbleiben, woraus ich Kraft und Energie für das Weitergehen schöpfte, mir und uns Mut machte, schwierige Situationen anzupacken. Die gemeinsamen Tage befähigten uns, darzuhalten und unsere Mitarbeitenden für das Erreichen neuer Ziele zu stärken und zu motivieren. Heute, nach 40 Dienstjahren und im Moment immer noch Mitglied der Geschäftsleitung, entdecke ich mich vermehrt beim Stehenbleiben. Was mir dann durch den Kopf geht: So vieles ist geworden, worauf wir stolz sein dürfen, und ich muss mich jeweils dabei fragen: «Laufen wir nicht Gefahr, die eigentlichen Werte zu verlieren, weil uns Sparmassnahmen unter Druck setzen und viele das Stehenbleiben verlernt haben?» Baldegger Schwestern wirken seit 1925 im «Sonnenberg», der bis 1981 in Fribourg war und seither im zugerischen Baar ansässig ist. Heute versteht sich die damalige Blindenschule «Sonnenberg» als vielseitiges Kompetenzzentrum für Schule und Beratung für sehgeschädigte Kinder und Jugendliche. Sr. Boriska lebt mit fünf weitern Schwestern im «Sonnenberg».
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