12 Du darfst ruhig etwas stehen bleiben Sr. Klara-Franziska Walder, Einsiedeln baldegger schwestern Du darfst dir Zeit nehmen Du darfst einfach «sein», darfst stehen bleiben, schauen, hören, riechen, tasten, ohne immer gleich auf die Uhr schauen zu müssen. Der franziskanische Sonnengesang im Altersheim hat eine besondere Strophe: «Gelobt seist du, mein Herr für das Innehalten, das Verweilen.» Das Klassenfoto Der Herr vom Zimmer 224 sitzt mit seinem Fotoalbum am Tisch und deutet auf sein Klassenfoto. «Das ist meine dritte Klasse mit unserm Unterstufenlehrer.» Und der sonst stille Mann wird zum Erzähler. Er denkt zurück an seinen Schulweg, spricht von der Bäckerei mit dem Duft des frischgebackenen Brotes, vom herben Geruch des Leders beim Schuhmacher, von der feuchtwarmen Luft bei der Badeanstalt. Er hört den Glockenschlag der Stadtkirche, das Rumpeln des Haldengut-Vierspänners und das Rollen der Bierfässer vor dem Wirtshaus. Die Lehre: Nicht der Zeit nachtrauern, sondern sich freuen, dass das Schöne war. Die Ampel Auf unserm Weg ist die halbe Strasse gesperrt. Eine Ampel steht auf rot. Wir warten. Zusammen überlegen wir, welche Botschaft die Ampel haben könnte. Sagt sie vielleicht: «Du darfst ruhig etwas stehen bleiben, die Beine ausruhen lassen und Atem holen. Du hast jetzt Zeit zum Warten. Du bist nicht mehr der Junge neben dir. Der muss dringend in die Schule, er ist im Warten schon startbereit. Du darfst stehen bleiben, dann mag auch deine Seele mit. CE oder S-Bahn? Der Pensionär von Nr. 233 studiert den Fahrplan. Für seine Reise muss er sich entscheiden zwischen Städteschnellzug und S-Bahn. Früher befahl der Beruf: Fahr mit dem ICE, du gewinnst Zeit, und Zeit ist Geld. Jetzt wählt er die S-Bahn. Er hat Zeit und darf die Fahrt geniessen. Es bleibt Zeit zum Schauen, zum Träumen. Und leise frägt die Seele: Weisst du noch, damals auf der Schulreise, weisst du noch um die erste Fahrt in die Ferien? Und er fährt mit stillem Sinnen durch die Gegend. Er kommt zwar 30 Minuten später ans Ziel. Aber – er darf. Die Aussichtsplattform Am Fenster im Stiegenhaus ruht die 92-jährige Pensionärin ein wenig aus, damit sie den Rest der Treppe bewältigt. «Jedes Mal entdecke ich Neues bei meinem Fensterstop, das hier ist meine Aussichtsplattform» sagt sie. «So ist es auch im Leben. Man möchte gerne, dass das Aufwärtssteigen etwas rascher ginge – und dann zwingt das Herz zum Stillstehen. Und siehe, man entdeckt geistige Plattformen, neue Welten, draussen und im Herzen.» Jesus sagt: Du darfst Der besondere Ort für «du darfst», ist die Kapelle. «Hier darf man sein und die Seele in die Sonne halten», sagt die 100-jährige Frau und macht ein kleines Nickerchen. «Gelobt seist Du, mein Herr!» Auch mit der Kommunion auf dem Weg zu den Kranken ist das Stehenbleibendürfen ein Segen. Der Herr hat es nicht eilig. Er erlaubt mir, ein wenig mit IHM stehen zu bleiben. Die depressive Frau freut sich, wenn mir ihre rote Bluse gefällt, die Gelähmte strahlt, wenn ich mit ihr singe, die kleine Tessinerin schmunzelt, wenn ich ein paar Worte ihrer Sprache stottere. Einer muss seine Sorgen loswerden. Mit dem Herrn darf ich stehen bleiben, hinhören und versuchen, ein Lächeln auf die stillen Gesichter zu zaubern. Du darfst, ich darf stehen bleiben, in besonderer Weise im Alter. Sr. Klara-Franziska Walder wirkt seit einigen Jahren im Alters- und Pflegeheim Gerbe in Einsiedeln in der seelsorgerlichen Begleitung der Bewohnerinnen und Bewohner.
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