13 Die Zeit anhalten Hin und wieder – im ganz gewöhnlichen Alltag – bleibe ich einfach stehen. Und manchmal möchte ich dann so gerne die Zeit anhalten. Wenn ich zum Beispiel bei Tagesanbruch den Pilatus in seiner ungetrübten Klarheit und unbeschreiblichen Schönheit vor mir sehe. In einem solchen Augenblick scheint die ganze Welt in Ordnung zu sein, denn Erde und Himmel sind sichtbar miteinander verbunden. Dieses Bild erfüllt mich mit tiefem Frieden. Der Tag nimmt seinen Lauf, und ich gehe an meine Aufgaben. Der Pilatus bleibt in seiner Festigkeit stehen, dort wo er ist und so wie er ist. Er verändert seine Form nicht, auch dann nicht, wenn das Morgenlicht verblasst, wenn es ringsum stürmt, regnet oder schneit. Und ich? Wie schnell lasse ich mich im Alltag, der nicht immer besonders harmonisch verläuft, herausreissen aus der morgendlichen Gelassenheit und dem inneren Frieden! Warum braucht es so wenig, dass meine vermeintliche Standhaftigkeit ins Wanken gerät? Die Frucht reifen lassen Unwillkürlich bleibe ich stehen, wenn ich auf dem Mittagsspaziergang beim nahen Obstgarten vorbeikomme. Im Frühjahr bewundere ich die einmalige Blütenpracht, und während der Sommermonate beobachte ich das Wachsen und Reifen der Früchte. Im Herbst bestaune ich dankbar den reichen Obstsegen. Dabei zieht es mich hin zu den jungen, voll behangenen Obstbäumen. Jung, klein und voll behangen! Es braucht also nicht grosse, aufsehenerregende Taten im Leben, um reiche Frucht hervorzubringen. Vielleicht sind es gerade die unscheinbaren, welche die reichen Früchte des Geistes reifen lassen: Friede, Freude, Sanftmut, Geduld. Mit einer leisen Wehmut schaue ich dann einige Zeit später dem Hauswart beim Pflücken der Äpfel zu. Und bald darauf entdecke ich an den Ästen die schlafenden Knospen, welche das dürre Laub abstossen. Bei diesen Knospen bleibe ich während der Wintermonate öfters stehen. Welche Verheissung schlummert in diesem neuen Leben? Ich will und muss es heute noch nicht wissen. Das Bild regt mich ganz einfach an innezuhalten, ganz gegenwärtig und offen zu sein für das, was der Augenblick bringt. Und gleichzeitig mit froher Zuversicht und Hoffnung dem Frühling entgegenzusehen. Den Augenblick aushalten Offen zu sein für das, was der Augenblick bringt, kann jedoch hin und wieder auch recht beschwerlich sein. Wenn der Zug auf der Strecke stehen bleibt, wo ich doch auf der nächsten Station den Anschluss nicht verpassen darf; wenn das Fahrzeug stehen bleibt oder in den Stau gerät, während die Sitzung, zu der ich erwartet bin, bereits begonnen hat; wenn der PC ausgerechnet dann stehen bleibt, wenn ein wichtiges Dokument dringend fertiggestellt werden muss; wenn die Nähmaschine stehen bleibt, die Küchenmaschine oder der Staubsauger. Was löst ein solcher «Stillstand» in mir aus? Ärger, Unmut, Ungeduld, vielleicht sogar Tränen? Die Fügung annehmen Was ist dies jedoch im Vergleich zu jenen Momenten, da scheinbar alles stille steht. Dies geschieht dann, wenn mich eine Krankheit, ein Unfall völlig unerwartet mitten aus dem Alltag herausreisst. Alle angefangenen Arbeiten auf dem Büropult bleiben liegen und alle Vorhaben dort stehen, wo ich sie auf einem Blatt Papier geordnet deponiert habe. Der leise heilsame Druck, der sonst von dorther kommt, ist schlagartig verschwunden. Ich bin einfach da und warte. Gelassen oder ungeduldig? – betrübt oder zuversichtlich? Wenn mir der Mut, die Kraft geschenkt wird, dem Sinn dieses Ereignisses nachzuspüren, beginne ich vielleicht zu staunen. Ich staune über die deutlichen Hinweise, die mir aus diesem unabänderlichen Umstand entgegen winken, über die Fügungen im Leben. Wie dankbar bin ich für eine verständnisvolle Unterstützung aus der nächsten Umgebung – vor allem dann, wenn ich mir etwa sage: «O hätte ich doch ... Wäre ich doch ...». So kann ich meinen Weg getrost weitergehen. #edenke Ein StÛck Weges liegt hinter dir, ein anderes StÛck hast du noch vor dir. Wenn du verweilst, dann nur, um dich zu stÅrken nicht aber um aufzugeben. Augustinus Blick auf den Pilatus von Hertenstein aus Verweilen, um mich zu stärken Sr. Tabita Röthlin, Hertenstein baldegger bildungshaus
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