14 Zumutung Zum Thema «vom stehen bleiben» möchte ich Ihnen ein Gedicht vor Augen führen und Sie bitten, es – auch für sich – laut zu lesen und mehrmals. Gefällt es Ihnen, wird es Ihnen ergehen, wie andern vor Ihnen: Das Gedicht fordert zum Mitspielen auf. Nicht konsumieren. Der Schriftsteller gibt das Seine, ich gebe das Meine. Ich erinnere mich, wie einer einmal gesagt hat: So wie auf verpackt zu verkaufenden Gesellschaftsspielen meist die Mindest- und Höchstzahl der Spieler aufgedruckt ist, so steht unsichtbar auch auf den vielfältigen Spielarten der Poesie die Angabe: für 2 Mitspielende. Sind Sie bereit zum Mitspielen? Robert Walser lädt Sie ein. Für zwei Mitspielende Wie ich ein Blatt fallen sah. Hätte ich mich nicht nach den zum Teil bereits nackten Zweigen umgedreht, so würde mir der Anblick des langsam – goldig zu Boden fallenden, aus üppigem Sommer stammenden Blattes Sich bewahren P. Werner Hegglin, Dr. phil, Hertenstein entgangen sein. Ich hätte etwas Schönes nicht gesehen und etwas Liebes, Beruhigendes und Entzückendes, Seelenfestigendes nicht empfunden. Schaue öfter zurück, wenn es dir dranliegt, dich zu bewahren. Mit Gradausschauen ist’s nicht getan. Die sahen nicht alles, die nicht rund um sich sah’n. Robert Walser Noch nie gehört Schönes und Liebes, Beruhigendes und Entzückendes sind uns vertraute Wörter. Sie locken zum Mitspielen. Seelenfestigendes – haben wir noch nie gehört! Was es bedeuten könnte? Es wird deutlicher, wenn wir das gleich Folgende mitaufnehmen: «Schaue öfter / zurück, wenn es dir / dran liegt, dich zu bewahren.» Sich bewahren? Da bleiben wir stehen: Wahr und Falsch? Bin ich wahr, bin ich falsch? Liegt mir daran, mich zu bewahren; mich im Wahren zu halten? Bin ich der, der ich bin; der ich sein soll? Und wenn ich zurückschaue: Bin ich der, der ich geworden bin? Vor Unglück will ich mich bewahren, selbstverständlich; nicht nur im Verkehr. Etwas vom Schlimmsten aber ist die Verfälschung des Lebens. Und davor bewahrt uns das Seelenfestigende. Ein langsam – goldig zu Boden fallendes Blatt sehen, aus üppigem Sommer stammend; und dabei etwas Schönes, Liebes, Beruhigendes und Entzückendes empfinden, das ist seelenfestigend. Wer’s nicht erfahren hat, wird’s nicht glauben. Von einem, der stehen blieb Von Büchern, die uns im Leben begegnen, gibt es solche, deren Ton uns ergreift und dann so eindringlich und anhaltend wirkt, dass wir jedes neu erscheinende Buch sofort kaufen. Philippe Jaccottet ist ein Schreiber solcher Bücher: in Moudon geboren, in Lausanne zur Schule gegangen, in Paris studiert und dann ein Leben lang mit seiner Familie in Grignan, Departement DrÔme, gewohnt. Dort wohnt er auch heute noch, über achtzigjährig, wandert und schreibt. Was schreibt er? Vom Bleiben! Vom Bleiben in einem Dorf, einem Dorf, wie es tausende gibt in Südfrankreich. Er schreibt von dem, was er von seinen immer gleichen Gängen, in einer immer gleichen Landschaft rund ums Dorf, zurückbringt: von den Steinen, den Eichen, vom Rebgelände und den Lavendelfeldern, von Quittenblüten und Sonnenblumen; von der Lez, einem kleinen Fluss, und von verlassenen Feldhütten. baldegger bildungshaus
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