3 Sorge für den morgigen Tag ganz in Gottes Hände und folge damit jenem Psalmwort (Ps 55,23), das der erste Petrusbrief in Erinnerung ruft: «Werft alle Eure Sorge auf den Herrn, denn er kümmert sich um Euch (1 Petr 5,7). Was mit alle dem gemeint ist, zeigt uns vielleicht am besten das Beispiel der beiden Schwestern Martha und Maria (Lk 7,38-42; Joh 11, 1-44). Im Lukas-Evangelium scheint alles klar: Jesus sagt zur bekümmert und geschäftig arbeitenden Martha: «Martha, du machst dir viele Sorgen und Mühen. Aber nur eines ist notwendig. Maria hat das Bessere gewählt. Das soll ihr nicht genommen werden.» Vereinfacht gesagt: Martha kümmert sich um das Irdische. Maria kümmert sich um das Ewige. Das Irdische vergeht, das Ewige bleibt. Aber im Johannes-Evangelium erleben wir eine Überraschung: Es ist nicht die auf das Ewige bedachte Maria, die dem Herrn entgegen geht, sondern ausgerechnet Martha. Maria – in ewiger Trauer versunken – bleibt mit ihren Sorgen kummervoll zu Hause. Und es ist wiederum die auf das Irdisch bedachte Martha, welche die ewigkeitsbeflissene Maria aus ihrer Trauermeditation aufwecken muss um ihr sagen zu können: «Der Meister ist da und lässt dich rufen (Joh 11,28).» Wäre es nicht unsere Aufgabe, von beiden Schwestern zu lernen? Die Lehre könnte heissen: Besorgt durch die Sache der Welt, gehen wir sorglos dem Himmel entgegen. Gott hat seine Welt in unsere Sorge und Obhut gegeben. Weltsorge ist unser Auftrag. Die ewige Freude des Himmel wird er uns schenken. Darum brauchen wir uns dafür nicht mehr zu sorgen. Ohne Sorge für den Himmel können wir unsere ganze Sorge Gottes Schöpfung zuwenden. Und wenn wir schon von der ewigen Sorge befreit sind, werden wir uns gewiss von den irdischen Sorgen nicht knechten lassen. Sorglose Besorgtheit – besorgte Sorglosigkeit: Das Zeugnis des Klosters Auch eine klösterliche Gemeinschaft lebt in der Welt. Auch sie – zumal ihre Oberinnen und Obern – haben an den irdischen Sorgen gemessenen Anteil. Kummer und Sorgen fehlen keineswegs. Auch ein Kloster hat den Auftrag, die menschliche Sorge mit christlicher Sorglosigkeit zu verbinden. Allein das Kloster steht nicht nur vor dieser Aufgabe. Es sollte diesen christlichen Auftrag auch beispielhaft und vorbildlich erfüllen. Es sollte in einer Welt lärmiger Betriebsamkeit und ausschliesslicher Gewinnorientierung Zeuge und Zeichen einer anderen Wirklichkeit sein. Im Leben und Wirken eines Klosters sollte deutlich werden, dass mitten in unserer irdischen Wirklichkeit mit ihren Kümmernissen und Sorgen Gottes Ewigkeit und Gottes Reich schon begonnen haben. So lebt denn das Kloster sorglos – besorgt um Gottes Reich und darum, den irdisch allzu besorgten Menschen zu helfen. So lebt das Kloster besorgt – in der Sorge, ob es genügend sorgt für die Sorglosigkeit in den eigenen Reihen und im eigenen Herzen. In vielen Jahren habe ich im Kloster Baldegg dieses Zeugnis erfahren dürfen. Ich bin überzeugt, dass dieses Anliegen auch – Gott sei Dank! – auf den folgenden Blättern bezeugt wird. 1) Ulrich Luz, Das Evangelium nach Matthäus I/1 (Düsseldorf 2002) 476. 2) Wolfgang Pfeifer, Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (München 2003) 3010. 3)Pfeifer (Anmerkung 2) 743. 4) Vgl. Luz (Anmerkung 1) 449. 5) Vgl. Luz (Anm. 1) 451.
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