baldeggerjournal

9 Der Seele zuhören baldegger schwestern Sr. Marie-Ruth Ziegler, Baldegg Es gab Jahrzehnte, da prägte eine grosse Schar von Baldegger Schwestern das Bild im Spital in Brig. Heute trifft man dort nur noch Schwester Luzia-Maria und Schwester Johannita an. Den beiden Schwestern bedeuten Spital und Stadt schon lange Heimat. Nicht einmal die wechselvolle und herausfordernde Spitalpolitik des Oberwallis vermag daran etwas zu ändern. Die beiden Schwestern gehören ins Wallis und die Walliserinnen und Walliser zu ihnen. Jahrzehntelang standen sie an Patientenbetten, pflegten und besorgten die Kranken. Heute stehen sie nicht mehr dort, sie sitzen. Denn nicht mehr die Sorge um den erkrankten Leib ist ihnen aufgetragen, sondern die Sorge um die Seele. Als ob man Seele und Leib einfach so trennen könnte! Und als ob sie sich früher «nur» um den Leib gekümmert hätten ... Doch die beiden Schwestern trauern nicht den guten alten Zeiten nach. Sie freuen sich, dass sie in der Seelsorge mitwirken dürfen. Wer ist ihrer Sorge anvertraut? Die Kranken, das Personal, die Angehörigen? Alle, so sagt Schwester Luzia-Maria. Auch Pflegende sind oft dankbar für ein Gespräch, besonders in Krisensituationen oder Überbelastung. Die vielen Veränderungen im Spitalbetrieb und der gestiegene Leistungsdruck fordert das Personal. Aber vor allem am Spitalbett ist einfühlsames Zuhören gefragt. Es sind persönliche Sorgen, die dort zu hören sind: Werde ich wohl wieder gesund? Kann ich noch einmal in meine Wohnung zurück? Muss ich ins Altersheim? Es geht auch um Fragen, die tiefere Schichten des Lebens betreffen wie: Ich kann nicht mehr beten! Wo ist Gott? Hat er mich vergessen? Warum hat es mich so hart getroffen? Warum lässt Gott mich so leiden? Wie habe ich das verdient? Angehörige fragen etwa: Wie sagen wir dem Kranken, dass sein Weg nun ins Altersheim oder Pflegeheim führt? Sollen wir mit unserem Vater über das Sterben und den nahen Tod sprechen? Oft wollen beide Seiten einander schonen. Am Krankenbett müssen sie viele Fragen stehen lassen und sie einfach in Gottes Hand legen. Die meisten Sorgen können sie den Patientinnen und Patienten nur tragen helfen, nicht abnehmen. Ein vertrauensvolles Gespräch kann den Kranken neuen Mut und Zuversicht schenken. Die beiden Schwestern hören oft: «Dieses Gespräch hat mir gut getan, danke». Schwester Luzia-Maria weiss aus Erfahrung: «Im Gespräch höre ich meistens zuerst etwas über die Krankheit. Allmählich wird das Gespräch tiefer. Gemeinsam suche ich mit dem kranken Menschen nach dem Sinn des Leidens. So spüre ich, wo ich ihn im religiösen Leben abholen kann». Wenn es um die Begleitung eines sterbenden Menschen geht, sind meist mehrere Gespräche mit den Angehörigen nötig. Nicht immer will man wahrhaben, dass der Tod nahe ist. Doch Schwester Luzia-Maria erfährt auch, dass Schwerkranke offen über das Sterben sprechen. Sie spürt, dass sie dabei von Gott geführt wird. Seelsorge ist für sie darum eine wunderbare, anspruchsvolle und bereichernde Aufgabe. Die 86-jährige Schwester Johannita ist häufig auf der Geriatrieabteilung anzutreffen. Dort geht sie zu betagten Menschen die selten Besuch haben. Sie ist dann einfach da, hört zu, nimmt Anteil am oft schweren Schicksal. Mit den einen oder andern bittet sie Gott um Mut und Segen. Regelmässig ist sie mit der Krankenkommunion auf der Abteilung unterwegs. Hie und da wird sie zur Sitzwache gerufen bei Schwerkranken oder Sterbenden. «Jeden Tag», so sagt sie, «versuche ich ganz im Heute zu leben. Ich nehme den Tag aus Gottes Hand dankbar an. Was morgen auf mich zukommt, davon lasse ich mich überraschen. Sorgen mache ich mir fast keine mehr, denn Gottes Liebe geht ja mit mir weiter, alle Tage!» Spitalseelsorge ist für die zwei Schwestern ein Stück Wegbegleitung. Sie gehen mit bis zur Wegkreuzung. Dort heisst es, die Hand loslassen. Es geht heimwärts: die einen in den Alltag, die andern in den Himmel.

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