baldeggerjournal

9 hart ausgeruht.» Doch genau dies tue ich mehrmals jährlich. Nach jeder Fernsehproduktion gönne ich mir eine Auszeit von mehreren Wochen, da ich beim Schweizer Fernsehen nur mit einer Jahresarbeitszeit von 60 Prozent beschäftigt bin. In meiner fernsehfreien Zeit mache ich ganz andere Sachen. Ich arbeite regelmässig in einem Nähatelier. Dort erlerne ich das Handwerk der Schneiderin. Stundenlang kann ich Knopflöcher sticken. Zu Beginn jeder Ruhepause sind meine Hände sperrig. Die Stiche sind unregelmässig. Manchmal dünkt es mich, als ob ich all die Erlebnisse der vergangenen Produktion in den Stoff hinein sticken müsste. Wie kleine Narben. Je länger meine fernsehfreie Zeit dauert, desto regelmässiger werden die Stiche. Unter meinen Händen entsteht aus einem Stück Stoff eine Hose, ein Jupe oder wie letzthin das Taufkleid meines Patenkindes Annina. Mein Herz lacht. Die Nähmaschine surrt. Das Bügeleisen zischt. Bei dieser Arbeit schweige ich meistens, das brauche ich, denn die Filmwelt ist eine sehr lebhafte Welt. In den Ruhephasen lese ich viel und reise auch. Private und berufliche Reisen unterscheiden sich sehr. Privat ziehe ich die Langsamkeit vor. Am liebsten reise ich im Zug oder per Schiff. Ganz selten bin ich mit dem Flugzeug unterwegs und dann äusserst widerwillig. Ich möchte die zurückgelegte Distanz spüren. Körperlich. Eine Wanderung tut gut. Da sammle ich Gerüche, Formen, Farben, Bilder und Geschichten. Ich tanke Leben. Vielleicht fliesst davon später etwas in ein neues Filmprojekt ein. Ausruhen heisst für mich nicht NICHTS tun sondern etwas ganz anderes tun, damit die Gedanken frei werden und sich Geist, Körper und Seele erholen können. Von jeder Filmproduktion bleiben Erinnerungen und Begegnungen. Nach der Ausstrahlung des Filmes habe ich dafür Zeit. Ich bin ein Mensch, der viel über eine vergangene Produktion nachdenken muss. Manchmal kehre ich dazu an den Ort der Dreharbeiten zurück. Es ist immer anders, wenn ich ohne Kamerateam komme. Ich sehe andere Dinge und die Menschen begegnen mir anders. So reihe ich mich langsam wieder in den Alltag ein. Dies dauert manchmal einige Tage, manchmal auch ein, zwei Wochen, je nachdem wie gross die Belastung während der vorangegangenen Filmproduktion war. Jetzt geht es zurück zum ganz gewöhnlichen Leben, das mir Halt gibt um in der Fernsehwelt mit beiden Füssen auf dem Boden zu bleiben. Putzen, nähen, im Garten arbeiten sind Tätigkeiten, die sich dazu sehr gut eignen. So einfach ist das. Teilnehmen am prallen Alltag. Ich mache sehr gerne Filme. Zu Beginn meiner Fernsehzeit versuchte ich alles unter einen Hut zu bringen. Die Arbeit wollte ich regelmässig über Achtstundentage verteilen. Die Freizeit gleich nach Arbeitsschluss geniessen. Regelmässig. Ruhezeiten einhalten. Irgendwann musste ich akzeptieren, dass ich dies während der Produktion eines Filmes nicht schaffe. Ich nicht. So habe ich in den letzten fünfzehn Jahren mein Modell entwickelt: «Hart arbeiten und hart ausruhen!» Und es funktioniert. Gut sogar. Ich bin glücklich damit. Manchmal lässt man sich bei Dreharbeiten auch von etwas Neuem begeistern. Anstecken. So haben mich die ruhigen Momente in der Ordensgemeinschaft der Baldegger Schwestern verzaubert. Mehrmals täglich nehmen sie sich zum Beten eine Auszeit! Halten inne. Diese Regelmässigkeit hat mich sehr beeindruckt. Im Kloster Baldegg gibt es auch ruhige Momente für hektische weltliche Menschen. Jeden 22. des Monats zum Beispiel gibt es ein öffentliches Nachtgebet. Das Taizé-Nachtgebet. Seit den Dreharbeiten im Kloster, im Januar 2006, habe ich mir diese Termine in meiner Agenda rot angestrichen. Wann immer es mir möglich ist, reise ich dann nach Baldegg. So habe ich wenigstens einmal im Monat regelmässig eine kleine Auszeit. Filmequipe «himmelreichschweiz – Kloster» v.l. Beni Göttler (Ton), Frank Messmer (Kamera), Marianne Erne (Buch und Regie), Sr. Adriana, Sr. Gabrielle, Sr. Martine, Sr. Kerstin, Sr. Fides, Sr. Monalda, Nicole Himmelreich, (Moderation), Sr. Francesca, Sr. Rebekka

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