12 Eine jüngere Frau , die rein äusserlich betrachtet ein erfülltes Leben führen könnte, leidet unter ihrem Suchtverhalten, um das nur die nächsten Angehörigen wissen. Sie möchte gesund werden und sucht deshalb therapeutische Hilfe. Auf die Frage, wozu, d.h. auf welche Ziele hin, sie gesund werden möchte, schweigt sie erst lange, bevor sie antwortet: «Das weiss ich nicht recht. Ich möchte einfach erst gesund werden, dann werde ich sehen, was ich aus der wiedergefundenen Gesundheit (und Freiheit) machen kann.» Doch Gesundwerden allein, ohne inhaltliches Wofür, vermag nicht Ziel zu sein. Seine Lockkraft ist zu gering. Ein älterer Herr sucht logotherapeutische Hilfe, weil er mit Gedanken nicht mehr zurecht kommt, die ihn Tag und Nacht beschäftigen. Immer und immer wieder denkt er darüber nach, wie er Situationen vermeiden könnte, die ihn mit seiner Höhenangst konfrontieren. Er ist bereits umgezogen. Auch seinen Arbeitsplatz hat er aufgegeben. Die Büros seines Arbeitsgebers lagen im achten Stock eines Hochhauses. Arbeitslos geworden muss er Bewerbungen schreiben. Überraschend schnell zeigen sie Erfolg. Er wird zu einem Bewerbungsgespräch in ein Restaurant eingeladen. Doch die Firma, die ihn einstellen möchte, belegt mit ihren Büros seit kurzem die oberste Etage des Hauses, aus dem er erst vor einigen Monaten wegen seiner Beschwerden ausgezogen ist. Welch eigenartiger Zufall! Nun ist er völlig ratlos. Er möchte die Stelle annehmen, wagt aber nicht, sich seiner Angst zu stellen. Seine Gedanken halten ihn gefangen, Damit Dranbleiben gelingt Sr. Tamara Steiner, Baldegg obwohl er klar sieht, dass sie ihn einengen und sein Leben unnötig bestimmen. Leidvoll weiss er, was es heisst «dranzubleiben». Wie gerne würde er dem Teufelskreis seiner Überlegungen entfliehen! Wer das Wort «dranbleiben» hört, denkt zuerst an «durchhalten», «nicht aufgeben», auch dann nicht, wenn es schwierig wird. Vielleicht kombiniert sich mit dem Begriff ein Bild, das mit «Nahdranbleiben» zu tun hat, im Gegensatz zu «weglaufen», «flüchten», «ausweichen». Das Wort «dranbleiben» ist umgangssprachlich durchwegs positiv besetzt. Wer dranbleibt, verfügt über Durchhaltewillen. Sogar unter schwierigen Bedingungen gibt er nicht auf. Doch beim Dranbleiben handelt es sich nicht um eine Grundfertigkeit oder eine Voraussetzung für menschliches Handeln, von der ein Mensch mehr oder weniger besitzt. Das Dranbleiben ist vergleichbar einem Nebeneffekt. Nur wer Ziele sieht und sie nicht aus dem inneren Blick verliert, – Ziele, die wert sind erreicht zu werden – , vermag wirklich dran zu bleiben. In der Logotherapie, der sinnzentrierten Psychotherapie nach Viktor Frankl, gilt der Grundsatz: Der Wille (somit auch der Durchhaltewille, das Dranbleiben) entzündet sich am Gewollten. Etwas anders ausgedrückt: Wille ist beim Menschen nur in dem Mass vorhanden, in dem sinnvolle Ziele am Sinnhorizont aufleuchten. Eine Bedingung ist an die Ziele geknüpft: sie müssen die Person, die sie hegt, übersteigen, d.h. sie müssen auf etwas oder jemand in der Aussenwelt hin gerichtet sein. Sieht ein Mensch Ziele, zu denen er gelangen möchte, dann wächst ihm sozusagen die Willenskraft dafür, sie zu erreichen, manchmal weit über seine körperlichen Kräfte hinaus. Wie mancher Künstler oder Schriftsteller zum Beispiel hat hochbetagt und schwer krank, dem Leben Lebenszeit abgerungen, weil da noch ein Werk war, das er zu Ende bringen wollte! Ist jedoch der Sinnhorizont eines Menschen mehr oder weniger zielleer oder verbergen sich seine Ziele hinter einem konfusen Kreisen um das eigene Ich, so bringt er wenig zielgerichteten Willen auf. Schon die alltäglichen Pflichten und Aufgaben fallen ihm schwer. Die Frage nach dem Warum-das-alles wird er vermehrt stellen, besonders eindringlich dann, wenn unerwartete Schwierigkeiten auftauchen. Für die Frau mit der Suchtproblematik heisst das: sie muss erst wissen, wozu sie gesund werden möchte, dann erst wird sie die nötigen Kräfte des Dranbleibens aufbringen können, um die schwierigen Momente des Verzichts auf das Suchtverhalten durchzustehen. Es gilt herauszufinden, welche «Nöte» der Welt, d.h. ihrer Mitwelt, genau ihrer Fähigkeiten und Begabungen bedürfen, um sinnvoll gelindert werden zu können. Oftmals handelt es sich hierbei nicht um weltbewegende und aufsehenerregende Aufgaben, sondern um Sinnvolles, das ungetan bleibt, wenn eine bestimmte Person sich dieses Alltäglich-Nötigen nicht annimmt. Für den Mann, der mit seiner Höhenangst besetzte Situationen zu vermeiden sucht, heisst Dranbleiben ebenfalls baldegger klosterdorf
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