9 Damiano, damit er die Kirche erneuere. Doch der Priester will das Geld nicht aus Angst vor dem Vater. Franziskus muss sich etwas Neues einfallen lassen und er beginnt wieder mit dem Nächstliegenden. Er bettelt um Steine, trägt sie nach San Damiano und renoviert die Kirche. Langsam geht ihm dabei auf, dass das Wort vom Kreuz her etwas anderes meint: «Erneuere die Kirche aus lebendigen Steinen!» Und wieder fängt Franziskus an. Er begreift, dass er dazu bei sich selber anfangen muss, bei dem Baustein der Kirche, den er selber darstellt. Und er setzt einen Anfang in der Begegnung mit dem Aussätzigen. Dieser Augenblick, in dem er einem Aussätzigen zum ersten Mal echt begegnet, verändert sein Leben. Es fängt wie neu an. Es stellt alles Bisherige auf den Kopf und Franziskus schreibt in seinem Testament: «Was mir vorher bitter war, wurde mir in Süssigkeit verwandelt.» Damit hat er aber nicht ein für allemal seinen Weg gefunden, auf dem er weitergehen kann. Franziskus fängt noch oft an – und zwar immer dort, wo er begriffen hat, dort, wo seine Sehnsucht ihn hintreibt. Anfangen wird zu seinem Lebenselement. Es fängt an mit den drei Schriftzitaten, die er in der Kirche hört und die den Anfang seiner Regel bilden. Er hört sie nicht nur, sondern er fängt sogleich an danach zu leben. Er beginnt sein Leben in Armut, indem er seine Kleider mit einem Armen tauscht. Er fängt sein Leben an mit den ersten Brüdern, die ihm Gott gegeben hat. Er beginnt einen gewaltlosen Dialog mit dem Sultan. Franziskus hat das Anfangen nie verlernt. Ganz zuletzt, kurz vor seinem Tod, sagt er zu den trauernden Brüdern: «Nun wollen wir anfangen, Gott dem Herrn zu dienen; denn bis jetzt haben wir kaum, sogar wenig – nein, noch nichts getan.» Und Celano schreibt weiter: «Er glaubte nicht, es schon ergriffen zu haben; und unermüdlich ausharrend im Vorsatz heiliger Erneuerung, lebte er in der Hoffnung, immer wieder einen neuen Anfang setzen zu können.» (Cel I/103) Was kann uns Franziskus mit seinem Lebenselement des Anfangens mitgeben? Auch unser Leben besteht aus Anfängen. Es fängt immer etwas an: der Tag fängt an, die Woche fängt an, das neue Jahr fängt an, die Schule fängt an, die Lebensmitte fängt an, das Alter fängt an – immer fängt etwas an. Meine Herausforderung ist, dass ICH anfange, dass ich den Anfang nicht einfach geschehen lasse, sondern zu meinem Anfang mache.Tu ich das nicht, lebe ich nicht, sondern werde gelebt. Sicherlich gibt es in unserem Leben den oder die grossen Anfänge. Doch es gibt auch die vielen kleinen Anfänge. Sie sind wie ein Geschenk. Sie verhindern Resignation und Enttäuschung. Sie lassen die vielen kleinen alltäglichen Möglichkeiten aufleuchten. Die Anfänge gehen nicht aus. Anfangen hat, so war es auch bei Franziskus, etwas mit loslassen zu tun. Die Kraft des Loslassens aber ist die Sehnsucht. Das will sagen: Sehnsucht gibt die Kraft das zu tun, ohne das ich nicht anfangen kann: loslassen. Das beginnt schon in der Morgenfrühe. Der Tag fängt für mich nicht an, wenn ich den Schlaf nicht loslasse. Ich komme nicht an die Arbeit, wenn ich das Frühstück nicht loslasse. Ich komme nicht zum Feierabend, wenn ich die Arbeit nicht loslasse. Ich komme nicht zum Schlaf, wenn ich die Ereignisse des Tages nicht loslasse. Ich komme nicht in die Zukunft, wenn ich die Vergangenheit nicht loslasse. Die Anfänge gehen uns nicht aus. Was beginnen wir nicht alles: eine Arbeit, eine Reise, ein Buch, ein Fest, freundschaftliche Beziehungen, ein neuer Lebensabschnitt. Unser Leben besteht aus immer neuen Anfängen mit immer neuem Loslassen. Vielleicht gibt es darum soviel Erstarrtes, weil wir nicht loslassen können, wo die Anfänge vor uns liegen. Fällt das Anfangen uns oft so schwer, weil wir nicht loslassen können? Wenn wir «Anfängerinnen» und «Anfänger» sein und bleiben wollen, entscheidet sich das daran, ob es uns gelingt, Menschen der Sehnsucht zu sein. Und wir müssen lernen, dass die Sehnsucht nicht zum «immer mehr», sondern zum «immer weniger» drängt, dass Loslassen nicht Leben nimmt, sondern Leben schenkt und erst den Weg freigibt, neu anzufangen. Anfangen, so scheint mir, ist für unser Leben charakteristischer als das Vollenden. Anfangen – das ist der Schlüssel zu einem erfüllten Leben, oder wie es der Dichter Hermann Hesse ausdrückt: «Allem Anfang liegt ein Zauber inne, der uns erhält und der uns hilft zu leben.» Nachtkerze Wenn Sie den verschiedenen Anfängen des hl. Franz vor Ort nachgehen möchten, bietet Ihnen unsere Assisireise Gelegenheit dazu. Sie findet statt vom 29. April – 5. Mai 2006. Prospekt und Anmeldeformular sind erhältlich bei: Sr. Renata Geiger, Sonnhalde, 6283 Baldegg, Tel: 041 914 18 00, E-Mail: sr.renata@baldeggerschwestern.ch
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